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„Die Leute wollen die Wahl“


Der ehemalige Arzt Philip Nitschke fordert ein Menschenrecht auf selbstbestimmtes und friedliches Sterben. In seinem Handbuch beschreibt er, wie das gehen soll.

brand eins - Dezember 2020
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Philip Nitschke wuchs im australischen Outback auf, engagierte sich für die Belange Indigener, arbeitete als Ranger, promovierte in Angewandter Physik, lebte erst auf einem Schiff, dann in einem besetzten Krankenhaus und studierte schließlich Medizin an der Universität von Sydney. Als Arzt setzte er sich für das Recht unheilbar kranker Patienten auf assistierte Sterbehilfe ein und brachte das weltweit erste Gesetz dazu auf den Weg. Als die Regelung 1997 gekippt wurde, widmete er sich der Sterbehilfe in Vollzeit und weitete seine Forderung auf ein grundsätzliches Recht aufs Sterben aus.

Er gründete den Verein Exit International, entwickelte eine Reihe von Produkten zum schonenden Suizid und ist Autor des Handbuchs „Die friedliche Pille“, in dem er verschiedene Methoden des Suizids erklärt und nach Kriterien wie Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit und Friedlichkeit bewertet. Als ihm die australische Ärztekammer die Autorenschaft seines Handbuchs untersagen wollte, verbrannte er seine medizinischen Zertifikate und verlor damit seine Approbation. Heute lebt der 73-Jährige in den Niederlanden und in Frankreich. Sein Buch ist in Australien verboten.


brand eins: Herr Nitschke, Sie widmen sich seit einem Vierteljahrhundert dem Sterben. Was haben Sie gegen das Leben?

Philip Nitschke: Überhaupt nichts! Das Leben ist ein Geschenk. Aber ein Ge- schenk, das man nicht zurückgeben kann, ist eine Bürde. Ich bin der Überzeugung, dass man die Möglichkeit haben muss, dieses kostbare Geschenk irgendwann nicht mehr zu wollen.

In Ihrem Handbuch erklären Sie, wie man sich verlässlich das Leben nimmt. In Aus­tralien ist es seit Langem verboten. Fühlen Sie sich wie ein Krimineller?

Absolut nicht. Ich habe als Arzt so viele Sterbenskranke getroffen und gesehen, wie schwer sie an verlässliche Informationen über schmerzfreie Suizide kommen. Ich kenne ihre Hoffnungslosigkeit und die dramatischen Fehler, die sie begehen.

Welche Fehler sind das?

Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge. Sie springen aus dem Fenster oder werfen sich vor den Zug. Das sind schreckliche Tode. Schlaftabletten sind auch so ein Missverständnis. Damit konnte man sich in den Fünfzigern noch umbringen, aber heute sind die nicht mehr tödlich. Sie glauben ja nicht, wie viele Menschen völlig sinnlos Pillen horten. In den meisten Ländern ist übrigens Erhängen die häufigste Suizid-Methode älterer Menschen. Das ist eine der beschämendsten Statistiken zum Thema. Indem wir diesen Menschen Informationen zu einem friedlicheren Suizid vorenthalten, machen wir es nur schlimmer.

In den Neunzigerjahren haben Sie sich für die aktive Sterbehilfe in Australien eingesetzt. In der Folge waren Sie der weltweit erste Arzt, der einem todkranken Patienten legal eine tödliche Spritze verabreichte. Wie ging das vor sich?

Mein erster Patient, Bob Dent, sagte damals zu mir: „Kommen Sie am Sonntag, dann essen wir zu Mittag und um 14 Uhr sterbe ich.“ Das war kein leichtes Mahl. Ich habe dann eine Maschine gebaut, die an Bobs Venen angeschlossen wurde und ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin einen tödlichen Cocktail injizierte. Ich konnte einige Meter entfernt sitzen, Bob lag in den Armen seiner Frau. Ich habe mich sehr für sein Recht auf einen selbstbestimmten Suizid eingesetzt, aber ich wollte nicht sein „Henker“ sein.

Heute gehen Sie weit über die Forderung hinaus, nur Sterbenden zu helfen. Sie fordern ein universelles Recht aufs Sterben.

Daran ist die französische Wissenschaftlerin Lisette Nigot schuld. Sie erklärte mir eines Tages, dass sie in vier Jahren 80 werde und dann sterben wolle. Ich dachte, sie macht Witze, sie war ja kerngesund. Aber sie kam immer wieder. Als mir klar wurde, dass sie das wirklich ernst meinte, versuchte ich sie umzustimmen, riet ihr eine Weltreise zu machen oder ein Buch zu schreiben. Und was a ntwortete sie? „Das geht Sie einen Dreck an, Doktor. Was gibt Ihnen das Recht, Ihr Wissen nur mit jenen zu teilen, die Ihren privaten Kriterien eines lebenswerten Lebens entsprechen? Sie spielen hier den Richter.“ Das hat mich tief getroffen – weil sie recht hatte.

Also haben Sie Ihre Informationen geteilt?

Ja. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag hat sie sich das Leben genommen. Auch wenn ich es befremdlich finde, dass Lisette sterben wollte, nur weil sie 80 wurde, musste ich doch meine Haltung überdenken. Es war ihr rationaler Entschluss, und der ist zu respektieren. Keiner konnte abstreiten, dass sie bei klarem Verstand war.

Seither touren Sie durch die Lande und bringen den Leuten das Sterben bei.

Meine Aufgabe ist es, die Leute mit den besten Informationen zu versorgen. Sie wollen Sicherheit, eine Methode, die erstens zuverlässig und zweitens schmerzfrei ist. Wenn sie so etwas haben, fällt eine enorme Last von ihren Schultern. Weil sie wieder die Kontrolle übernehmen und wissen, dass sie für einen Fall vorgesorgt haben, der hoffentlich nie eintritt. Es klingt paradox, aber ein verlässliches und verfügbares Mittel zum Suizid erhöht in vielen Fällen die Lebenszeit der Patienten. Weil es ihnen Lebensqualität zurückgibt.

Können Sie diesen Effekt belegen?

Nein, das ist unter den gegebenen Bedingungen unmöglich. Ich hätte gern solche
Studien.

Wie viele Menschen haben sich schon nach Ihren Methoden das Leben genommen?

Das müssten Tausende sein. Unser Verein kriegt fast täglich Briefe, in denen uns Hinterbliebene vom Tod ihrer Angehörigen berichten und wie es abgelaufen ist.

Zwar lassen Sie sich von Ihrer Online-Leserschaft den Ausweis zeigen, um sicher­ zustellen, dass keiner unter 50 mitliest, dennoch scheiden auch junge Menschen mit Ihrer Hilfe aus dem Leben. Haben Sie da kein schlechtes Gewissen?

Die allermeisten Briefe sind voller Dank, aber sicher gibt es auch Menschen, die unsere Informationen missbrauchen. Das ist schlimm. Aber sollten wir unser Wissen nun allen vorenthalten, nur weil es von wenigen Jüngeren, die nicht bei vollem Verstand sind, missbraucht wird?

Erleichtern Sie damit nicht den Suizid junger Menschen, die etwa an gebrochenem Herzen leiden und ihr Handeln später bereuen würden, wenn sie könnten?

Das hieße ja, dass sich die Leute nicht umbringen, solange sie nicht wissen, wie das geht. Das ist Blödsinn! Wer verzweifelt genug ist, der bringt sich um. Auch ohne meine Hilfe. Nur, je schlechter er informiert ist, desto brachialer ist die Methode. Für mich ist eine informiertere Gesellschaft eine gesündere Gesellschaft.

Wie sagen Sie den Eltern eines jungen Menschen, der sich anhand Ihres Handbuchs das Leben genommen hat, dass er ein trauriger Einzelfall war, der für ein höheres Gut in Kauf genommen werden sollte?

Das sagt man gar nicht. Oder zumindest nicht so einfach. Ein rationaler Suizid hat für mich zwei unmissverständliche Kriterien: Die Person muss volljährig und bei vollem Verstand sein. Dann – aber auch nur dann – sollte sie frei entscheiden dürfen. Wenn ein 20-Jähriger von der Liebe seines Lebens verlassen wurde, dann ist er höchstwahrscheinlich in einer emotionalen Extremsituation. Er wäre also nicht bei vollem Verstand. Und in solch einer Situation kauft man üblicherweise ja auch kein Handbuch, dessen Anleitungen Planung und Geduld erfordern, sondern handelt impulsiv und irrational.

Wie stellt man fest, ob ein Mensch bei vollem Verstand ist?

Da führt bis heute kein Weg um Psychiater herum. In diesem Bereich hat die Medizin immer noch eine Wächterstellung.

Würde ein Psychiater einem suizidalen 20-Jährigen denn je zusprechen, bei vollem Verstand zu sein?

Möglich. Aber da dürfte die Gefahr, dass eine psychische Notlage vorliegt, recht hoch sein. Damit wäre die notwendige Bedingung für einen rationalen Suizid nicht erfüllt. Selbstmord ist keine Therapie. Es kann aber auch den theoretischen Fall geben, dass der suizidale 20-Jährige bei vollem Verstand ist. Auch junge Menschen können unheilbar krank sein. Und dann muss ich akzeptieren, dass ich es mit einer selbstständigen Person zu tun habe. Ob ich mit deren Argumentation übereinstimme oder nicht. Viele Ärzte würden pauschal jedem Menschen allein wegen seines Wunsches zum Suizid eine psychische Krankheit attestieren. Das halte ich für übergriffig. Ich finde, die Medizin hat ihre unbedingte Daseinsberechtigung, aber beim Thema Sterben sollte sie nicht die letzte Autorität sein. Ich fordere ein Recht darauf, das Ende selbst zu bestimmen. Ein Menschenrecht aufs Sterben.

Sie sind jetzt 73 Jahre alt – Lisette Nigot würde Ihnen noch sieben Jahre geben – was treibt Sie an, weiterzuarbeiten?

Ich will nicht dabei zusehen, wie sich die Welt in eine Richtung verändert, die mir nicht passt. Vor vielen Jahren habe ich den Gefangenen-Roman „Papillon“ von Henri Charrière gelesen. Da erwähnt der Protagonist nach seinem Ausbruch aus dem Gefängnis den Fluch des vergeudeten Lebens. Dieser Gedanke verfolgt mich seither.

Fordern Sie aus Angst vor diesem Fluch so vehement die freiwillige Todesstrafe als Option bei lebenslänglicher Haft?

Ja. Aber damit wir uns richtig verstehen: Ich bin sowohl gegen die lebenslängliche Haft als auch gegen die Todesstrafe. Ichfinde nur, wenn ein Staat schon jeman­den bis zu seinem Tod einsperrt, dann sollte er auch so fair sein und einen humanen Suizid als Option anbieten. Lebenslange Haft ohne Hoffnung ist für mich staatlich sanktionierte Folter.

Sie könnten selbst auch im Gefängnis landen, schließlich operieren Sie in einer juristischen Grauzone.

Aus mir unerfindlichen Gründen, wird die Beihilfe zum Selbstmord fast überall drakonisch bestraft, während Selbstmord an sich legal ist. Aber alle Untersuchungen gegen mich wurden immer eingestellt, es kam nie zur Anklage oder zum Prozess.

Ihr Handbuch heißt „Friedliche Pille“. Wie kamen Sie darauf?

Der Begriff geht zurück auf Huib Drion, einen ehemaligen Richter am Obersten Gerichtshof der Niederlande. Der entwarf 1991 die Idee einer Selbstmordpille, die jedem älteren Menschen ab einem gewissen Alter zustünde. Das war ein Gedankenexperiment, von dem er überzeugt war, dass es zu mehr Lebensqualität führen würde. In den Niederlanden spricht man bis heute von Drions Pille – zum Leidwesen der Familie. Wir bei Exit International nennen es lieber „friedliche Pille“. Das ist unsere Metapher für eine sanfte und verlässliche Methode des Suizids. Etwas, das sich lange hält, das sicher verpackt bei dir zu Hause liegt und von dem du genau weißt, wie es funktioniert.

Gibt es die optimale Methode?

Es gibt da ein Schlafmittel, das schon lange nicht mehr verschrieben wird. Das ist wohl das Beste, was die Medizin dazu zu bieten hat. Dummerweise ist es streng reguliert und nicht frei verfügbar. Deshalb zeigen wir auch andere, legale Wege. Etwa mit bestimmten Gasen. Da liegt dann eben statt einer Pille ein Zylinder mit Ventil und Atemmaske im Schrank. Ästhetisch ist das zwar weniger ansprechend, aber dafür einfach zu beschaffen.

Ihr Methodenkoffer böte sich für eine dystopisch-postmoderne Eugenik an, in der sich ältere Menschen töten, um der Leistungsgesellschaft nicht zur Last zu fallen. Oder weniger dramatisch: Können Sie es zulassen, dass sich die Großmutter das Leben nimmt, nur um die Enkel nicht zu belasten?

Es kommt nur darauf an, was die Großmutter will. Wir sollten ältere Menschen nicht bevormunden. Sie sind zwar alt, aber nicht dumm, wie meine 96-jährige Mutter zu sagen pflegte. Uns gegenüber äußern Menschen häufig ähnliche Argumente. Manche sagen, es koste unsinnig viel Geld, sie trotz Krankheit am Leben zu halten. Geld, das sie lieber ihren Kindern gäben, die noch mehr vor sich haben.

Finden Sie das erstrebenswert?

Wie ich das finde, spielt keine Rolle. Wenn sich ein Großvater aus freien Stücken umbringen will, dann ist das sein gutes Recht. Es muss nicht meine Haltung sein, aber es darf seine sein.

Finnland hat mit viel Mühe die Selbstmord­ rate seit 1990 halbiert. Sollten wir uns nicht mehr um die Gründe der Todeswünsche kümmern als um deren Ausführung?

Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Der Erfolg der finnischen Regierung ist sehr zu begrüßen, aber es ging dabei um irrationale Suizide, nicht um rationale. Also um Menschen, die sich in einer akuten psychischen Notlage wie einer Depression das Leben genommen haben. Sie waren dabei nicht voll zurechnungsfähig. Außerdem hat das Land nach der Halbierung immer noch eine der höchsten Suizid-Raten der OECD-Staaten. Heute unterscheidet sich die Situa­ tion dort kaum von den Nachbarländern. Finnland hatte eine besondere Ausgangssituation, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass deren Ansatz eine annähernd so große Wirkung auf andere Länder hätte.

Sollte man es deshalb gar nicht versuchen?

Doch, sicher. Aber man sollte aus dieser Statistik nicht ableiten, jenen die Wahl zu nehmen, die eine rationale Entscheidung für einen Suizid treffen. Wer versucht, Selbstmorde durch Einschränkung der Mittel zu reduzieren, läuft Gefahr, eine willfährige Bevölkerung zu schaffen, die bis ins hohe Alter rumsitzt und auf die Tapete starrt. Das war die Situation meiner Mutter, körperlich und geistig gesund, aber mit dem Lebenswillen lange am Ende. Sie wollte sterben, durfte aber nicht. Sie lebte also bis weit in ihre Neunziger und senkte damit die Selbstmordrate – das war aber keineswegs in ihrem Interesse. Und ich würde behaupten, auch nicht im Interesse der Gesellschaft.

Ihre Kunden sind oft bereit, sehr viel Geld für den Exit zu zahlen. Wie legt man den Preis für den Tod fest?

Der Idee, so etwas wie Tod zu verkaufen, haftet etwas Unethisches an. Wir finanzieren uns daher quer, denn die Leute können es besser akzeptieren, wenn wir Informationen übers Sterben verkaufen als das Sterben an sich. Zum einen verkauft sich unser stets aktualisiertes Online-Abonnement des Handbuchs sehr gut, zum anderen werden wir sehr regelmäßig mit Spenden und in den Testamenten unserer Mitglieder bedacht. Damit können wir uns teure Forschungsprojekte leisten.

Sie beschränken sich aber nicht aufs Informieren, sondern verkaufen etwa mit der Firma Max Dog Brewing alles, was man zum Suizid mit Stickstoff braucht.

Wie der Firmenname deutlich macht, geht es hier ums Bierbrauen. Dafür braucht man auch Stickstoff. Wenn Sie sich damit nun das Leben nehmen wollen, dann ist das sicher auch möglich. Aber die Firma verkauft eben nicht alles, was man für den Suizid brauchte, sondern nur die Ventile. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Dennoch wird Ihnen vorgeworfen, Profit aus Ihren Produkten zu ziehen.

Was soll ich sagen? Ich lebe nicht in existenzieller Not, aber mein Leben ist aufwendiger geworden, seitdem ich nicht mehr als Arzt herumfahre und Rezepte ausstelle. Damals habe ich weit mehr verdient als heute. Ich bin jederzeit bereit, meine Steuerunterlagen offenzulegen. Wollen Sie sie?

Im Moment nicht, danke. Mit 25 000 Mitgliedern liegt Ihr Verein weit hinter vergleichbaren Organisationen. Warum?

Wir verfolgen einen Do-it-yourself-Ansatz. Die anderen nehmen Einfluss auf Gesetze. Das ist eine völlig andere Arbeit. Wir beobachten in den Niederlanden dazu eine interessante Entwicklung: Wer dort Sterbehilfe bekommt, kann wählen zwischen einer Injektion durch einen Arzt oder einen Drink zum Selber-Einnehmen. Immer mehr Leute entscheiden sich für die Spritze. Es scheint, als wollten die Leute diesen letzten Schritt lieber voneinem Dritten ausführen lassen. Das finde ich beunruhigend. Wir sagen: Wir unterstützen dich und dein Recht, aber du bist der Handelnde.

Sind Sie Anarchist?

Ich habe mich dieser Haltung immer nahe gefühlt.

Trachtet man Ihnen nach dem Leben?

Ernst zu nehmende Bedrohungen kriege ich nur sehr gelegentlich. Und dann nicht von Angehörigen, sondern von Leuten, denen wir die Geschäfte verderben. Von Kriminellen, die vorgeben, im Internet jenes verbotene Schlafmittel zu verkaufen, das wir empfehlen. Die zocken die Leute ab, indem sie erst keine Ware liefern und später womöglich noch Schweigegeld erpressen. Wir investieren viel Zeit ins Aufdecken dieser Machenschaften und veröffentlichen alle Kontaktdaten der Betrüger auf einer eigens dafür geschalteten Internetseite. Das ist mittlerweile ein größeres Geschäft als der Schwarzmarkt mit dem eigentlichen Mittel, der unglaublich überwacht wird. Erst 2019 haben sie bei Razzien in Frankreich und Spanien haufenweise anständigen, oft schwerkranken älteren Leuten zu Hause die Fläschchen abgenommen. Bei all den Problemen, die wir auf der Welt haben ...

Ihr Lebensthema scheint Sie auchzu erheitern. Sie haben sogar eine Comedy-Show daraus gemacht. Was finden Sie besonders komisch?

Einmal war ich bei einem Mann, der mit schlimmen Schmerzen im Sterben lag. Er hatte von dem verbotenen Schlafmittel gehört und fragte, wo er das herbekäme. Ich erklärte ihm, dass das nur Tierärzte verschrieben und selbst die sich damit strafbar machten. Ich fragte ihn also, ob er einen Veterinär kenne, der zehn Jahre Haft für ihn riskieren würde. Kannte er natürlich nicht, also haben wir Alterna­ tiven besprochen. Nach dem Gespräch nahm mich dann seine Frau zur Seite, schloss vorsichtig die Tür und erzählte mir, dass sie vor Jahren eine Affäre mit einem Veterinär gehabt hatte, der ihr einen großen Gefallen schulde. Ihr Mann wisse von alldem nichts, und das solle auch so bleiben. Eine Woche später hatte sie das Fläschchen, und ihr Mann konnte ahnungslos, aber friedlich einschlafen. Heute rate ich den Leuten dazu, recht­zeitig eine Affäre mit einem Tierarzt einzugehen.

Hilft Humor beim Sterben?

Ich glaube schon. Sicher aber hilft es, weniger Angst zu haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Leute sehr beruhigt wären, wenn sie einen einfachen Zugang zu einer „friedlichen Pille“ hätten. Wenigstens ab 70. Die Leute wollen nicht sterben – sie wollen wissen, dass sie sterben können, wenn sie es wollen. Das ist ein großer Unterschied. Die Leute wollen die Wahl, sie wollen nicht den Tod. ---

︎